Back to the roots – Über Spotify zu Vinyl

Streamingdienste wie Spotify haben ihre Vorzüge: Sie sind günstig, vielseitig und mobil. Vinyl hingegen ist teuer, sperrig und vor allem eins: gemütlich. Wie ich über Spotify auf Vinyl gekommen bin und warum ich heute beides mag.

tl;dr

  • Das Offensichtliche: Vinylplatten gibt es schon seit knapp einem halben Jahrhundert, Streamingdienste erst seit einigen Jahren.
  • Die Fakten: Platten sind verhältnismäßig teuer und bieten nur begrenzt Musik. Spotify und Co sind entweder kostenlos oder öffnen über monatliche Abos die Tür zu unzähligen Interpreten und Musikstücken aller Genres.
  • Die Vorzüge: Streamingdienste sind jederzeit und von überall verfügbar. Vinylplatten hören hingegen ist ein Erlebnis und in der heutigen, schnelllebigen Zeit vor allen Dingen eines: gemütlich und entspannend.

Nachdem die Nadel am Rand der Platte vorsichtig aufgesetzt ist, dauert es meist erst einige Umdrehungen. Aus den Lautsprechern kommt bereits ein kaum hörbares, angenehmes Surren, das den gesamten Raum ausfüllt. Dann erklingt der erste Ton der Platte. Die Gemütlichkeit beginnt.

Polyvinylchlorid, kurz Vinyl, das Material aus dem die Platten bestehen, ist eigenartig. Einerseits wirkt es zusammengepresst recht robust, schwer und liegt, einmal aus der Papphülle herausgenommen, merkbar in der Hand. Andererseits ist es höchst empfindlich: eine unvorsichtige Bewegung, ein Kratzer auf der Oberfläche, schon ist die kostbare und zumeist auch kostspielige Musikfracht womöglich für immer unbrauchbar, weil die Nadel sich dadurch nicht mehr ihren vorgegebenen Weg durch die feine Rille bahnen kann und stattdessen orientierungslos umher springt.

Vinylplatten kommen in unterschiedlichen Größen und Farben daher: Häufig als kleine 7-Inch-Single – die meist sehr lustig klingen, wenn sie mit der falschen Geschwindigkeit abgespielt werden. Deutlich seltener als 10-Inch-Zwischenformat und am vermutlich häufigsten als 12-Inch-Langspielplatte. Jahrzehntelange Plattenliebhaber schwören zumeist auf schwarzes Vinyl. Jüngere wie ich lassen sich hingegen gerne von Platten in ausgefallenen Farbmustern um den Finger wickeln: Cremefarben, neon-pink, grün marmoriert wie eine plattgedrückte Bowlingkugel, violett wie der dazugehörige Albumtitel, durchsichtig, mit Punkten gesprenkelt oder in jeder beliebigen anderen Farbe.

Tape, CD, Mini-Disc, mp3 – Die Evolution der Tonträger

Auch wenn Vinylplatten seit Jahren existieren, habe ich mich den größten Teil meines Lebens nicht sonderlich dafür interessiert. Als Kind der 90er und 00er-Jahre begann ich stattdessen irgendwann, die beiden Löcher am oberen Rand meiner frühkindlichen Hörspielkassetten mit Tesafilm abzukleben und meine Lieblingslieder aus dem laufenden Radioprogramm aufzunehmen. Anschließend folgten stapelweise CD-Singles aus dem Elektroladen im Dorf, darunter Michael Jackson, die Absoluten Beginner (Bambule) und Scatman John. Darauf folgte die Mini-Disc – ein damals recht teures und dennoch faszinierend kompaktes Format, weil auf eine Mini-Disc ähnlich wie auf Tapes eigene Mixe gespielt werden konnten. Schon nach kurzer Zeit war dann aber schon der erste Computer da. Mit ihm Musik in mp3-Dateien, der Musikplayer WinAMP und für unterwegs ein handlicher Player mit anfänglich sagenhaften 128 Megabyte Speicherplatz. Vom Prinzip her änderte sich danach für einige Jahre nichts, außer dass die Festplatten und die digitale Musiksammlung immer größer wurden. Und noch größer. Irgendwann waren die ersten Handys in der Lage, Musik abzuspielen. Smartphones und schneller werdende mobile Internetverbindungen taten ihr übriges und legten langfristig die Grundsteine für Streamingdienste wie Spotify.

Mit Spotify durch den Alltag

Seit mehreren Jahren nun schon bin ich zahlender Spotify-Premium-Kunde. Die anfängliche Skepsis darüber, ob sich die monatlichen zehn Euro tatsächlich lohnen würden, ist inzwischen komplett verflogen. Stattdessen vergeht kaum eine Woche ohne einen neuen „Mix der Woche“, der mir anhand meines persünlichen Musikgeschmacks ähnliche, aber bis dahin völlig unbekannte Künstler und deren Musik vorschlägt; Podcasts wie „Fest und Flauschig“ von Jan Böhmermann und Olli Schulz, „Schasabi“, ein Hip-Hop-Podcast des bayerischen Radiosenders Puls mit Jule Wasabi und Falk Schacht und Sendungen wie etwa „Eine Stunde was mit Medien“ oder andere Podcasts von Deutschlandfunknova [Edit: vorher DRadiowissen] sind durch Spotify inzwischen fest in meinen Alltag integriert und begleiten mich auf Kopfhörern in der Straßenbahn, beim Sport und längeren Reisen. Hinzu kommen außerdem fast 500 persönlich angelegte Playlists mit unterschiedlichen Interpreten und Musikgenres, die je nach Stimmung innerhalb weniger Sekunden ihren Weg auf mein Smartphone finden und dort dann auch ohne aktive Internetverbindung überall problemlos angehört werden können.

Best-of-Spotify und All-Time-Classics als Vinyl

Vor rund einem Jahr war es dann so weit: Ich bestellte spontan einen der billigsten Plattenspieler, den ich kriegen konnte, der ganz nett aussah und außerdem gerade so in der Lage war, eine Platte abzuspielen. Hinzu kamen einige Platten, die ich sowieso nahezu jeden Tag auf Spotify hörte (Marsimoto, The National, Casper) und einige Klassiker, die meines Erachtens wirklich zu jederzeit auf dem Plattenteller landen können (Fugees, Dr.Dre, N.W.A., Beasty Boys, Michael Jackson). Außerdem schenkte mir ein Freund erneut die „Bambule“ der Absoluten Beginner. Seitdem wächst Stück für Stück das Plattenregal, allerdings sehr gemütlich und langsam. Denn zum einen kostet Vinyl nach wie vor relativ viel Geld und zum anderen ist es überhaupt nicht mein Anspruch, eines Tages eine riesige Plattensammlung in der Wohnung stehen zu haben. Die Grundidee bleibt bestehen: Alles, was mit Hilfe von Spotify in heavy rotation über meine Kopfhörer läuft, kommt auch als VInyl in Betracht. Ebenso wirklich großartige All-Time-Classics und zuletzt die Platten von Künstlern, deren Konzerte ich besucht habe: Das Vinyl enthält dann nämlich nicht nur die eigentlichen Musikstücke, sondern ist zugleich eine Konserve der Erinnerungen an einen wunderbaren Abend mit der Freundin oder mit Freunden.

So stehen inzwischen rund 60 Platten in zwei Fächern (Hip-Hop und Nicht-Hip-Hop) hochkant im Sideboard des Wohnzimmers, Sonntage beginnen üblicherweise damit, bei einer Tasse Kaffee ganz gemütlich eine Platte aufzulegen.

Kool and the Gang is „fresh“. #workinprogress #vinyllovers #scratching #stepbystep #babyscratch #stickerlove

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Unter der Woche übe ich seit einiger Zeit zudem Lieder zu mixen, Beats zu jonglieren, Aufkleber an die richtigen Stellen der Platte zu kleben und zu scra-scra-scratchen. Meine Freunde waren nämlich der Ansicht, dass es nie zu spät ist, etwas dazu zu lernen, und dass ich dringend einen richtigen Plattenspieler bräuchte. Ein Mixer und ein zweiter Plattenspieler waren schnell geliehen.

Und so kam es dazu, dass ich mit 30 Jahren quasi mein erstes Musikinstrument lerne. Das erfordert vor allen Dingen viel Übung und Geduld. An letzterer mangelt es im schnelllebigen Zeitalter manchmal etwas, aber genau in solchen Momenten gibt es nichts besseres als eine wunderbare Platte aus dem Regal auszusuchen, aus dem Cover zu nehmen, auf den Teller zu legen, die Nadel aufzusetzen und Start zu drücken. Aus den Lautsprechern kommt dann zunächst ein kaum hörbares, angenehmes Surren, das den gesamten Raum ausfüllt. Dann erklingt der erste Ton der Platte und die Gemütlichkeit beginnt.

#vinylsunday mit @diggidexter. #relaxtothemax #vinyllovers #easylistening #rawrandomfiles cc @melting_pot_music

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Nice-to-have: Spotify arbeitet momentan offenbar an der Entwicklung eines neuen Premium-Models, bei dem pro Monat eine Vinyl ohne zusätzliche Kosten bestellt werden kann und andere zu günstigeren Preisen gekauft werden können.

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